Im Berliner Hansaviertel, zwischen ikonischer Nachkriegsarchitektur und gelebtem Alltag, ist mit dem Café Tiergarten ein Ort entstanden, der Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbindet. Untergebracht im denkmalgeschützten Schwedenhaus erzählt das Café nicht nur von Architekturgeschichte, sondern auch von bewusster Gestaltung, regionaler Zusammenarbeit und einer klaren Haltung zu Qualität und Transparenz. Ein Gespräch mit den drei Gründer:innen Leonie Herweg, Nicolas Mertens und Simon Freund über Orte mit Geschichte, sorgfältige Restaurierung und die Frage, wie zeitgemäße Gastlichkeit heute aussehen kann.

Das Hansaviertel gilt als Symbol für Aufbruch und modernes Wohnen der Nachkriegszeit. In welchem historischen und architektonischen Umfeld bewegt sich das Café Tiergarten?
Das Café Tiergarten befindet sich im Erdgeschoss des sogenannten Schwedenhauses der Architekten Sten Samuelson und Fritz Jaenecke und bildet gemeinsam mit dem Niemeyer-Haus das architektonische Tor zum Hansaviertel. Dieses Viertel entstand 1957 im Rahmen der Internationalen Bauausstellung „die stadt von morgen“ – ein visionäres Projekt, das Berlin nach dem Krieg ein neues Gesicht geben sollte. Namenhafte Architekten wie Oscar Niemeyer, Alvar Aalto, Walter Gropius, Arne Jacobsen und viele andere entwarfen hier ein lebendiges, modernes Quartier mitten im Grünen, geprägt von optimistischen Ideen für zeitgemäßes städtisches Wohnen. Bis heute ist das Hansaviertel ein einzigartiges architektonisches Ensemble sowie ein Symbol für Aufbruch, Internationalität und sozialen Wohnungsbau. Gleichzeitig ist es ein Ort voller Kontraste und Geschichten: zwischen ikonischer Architektur und Alltagsleben.
Bevor ihr hier euer Café eröffnet habt, haben die Räume bereits viele Kapitel erlebt. Welche Vergangenheit steckt in diesem Ort?
Die Räumlichkeiten unseres Cafés wurden ursprünglich von der Berliner Großbäckerei Wittler genutzt, die in den 1920er Jahren als größter Brotproduzent Europas galt. Die Geschichte des Unternehmens ist auch ein Spiegel deutscher Geschichte – einschließlich dunkler Kapitel: Während der NS-Zeit profitierte Wittler von engen Kontakten zum Regime und belieferte unter anderem die Olympischen Spiele 1936. Nach Kriegsende überstand die Firma zunächst, musste in den 1980ern jedoch schließen. Die Räume wurden anschließend jahrzehntelang liebevoll als Kaffeehaus mit vielen Stammgästen betrieben, bis sie einige Jahre leer standen.

Wie seid ihr denn zu der Immobilie gekommen?
Durch den Kontakt einer Nachbarin kamen wir schon vor zwei Jahren ins Gespräch mit der Eigentümerin des Hauses. Als im Herbst 2024 schließlich das „Zu vermieten“-Schild auftauchte, war für uns klar: Wir möchten diesen besonderen Ort wieder zum Leben erwecken – offen, einladend, mit Sinn für Qualität und Geschichte.
Architektur, Farben, Möbel, Kunst: Nach welchen Kriterien habt ihr die Gestaltung des Cafés entwickelt?
Die Restaurierung der Räume war herausfordernd, aber auch eine Herzensangelegenheit. Das gesamte Hansaviertel steht seit 1997 als Flächendenkmal unter Denkmalschutz, ebenso das Schwedenhaus. Der Leerstand und frühere Nutzungen hatten deutliche Spuren hinterlassen. Schritt für Schritt haben wir die später eingebauten Wände und Decken entfernt, die großzügige Offenheit und Klarheit der Architektur freigelegt und das ursprüngliche Farbschema von 1957 mit Unterstützung einer Restauratorin und Mineralfarben der Firma Keim rekonstruiert. Unterstützt wurden wir bei der Planung von der Innenarchitektin Johanna Karges. Die Möblierung orientiert sich an der umliegenden Architektur: Der Boden aus zeittypischem Naturkautschuk von Nora, Alvar Aalto Tische von Artek und Eiermann-Stühle von Wilde+Spieth, Porzellanleuchten von Ifö, der Berliner KPM und Mawa.
Begleitet wird das Café von künstlerischen Positionen, u.a. von Galli, Jack O’Brien, Daniel Moldoveanu, Marcel Broodthaers, Gritli Faulhaber und Catharine MacTavish.

Was für ein Ort soll das Café Tiergarten für seine Gäste sein?
Ob in den lichtdurchfluteten Innenräumen oder auf der großzügigen Terrasse mit Blick auf die Bungalows von Arne Jacobsen und den Tiergarten – das Café Tiergarten lädt ein, zur Ruhe zu kommen, sich zu begegnen oder einfach bei gutem Kaffee und ehrlichen Produkten den Moment zu genießen.
Welche Rolle spielen Regionalität, Transparenz und verantwortungsvoller Handel in eurem Konzept?
Wir stehen für eine konsequent regionale, transparente Produktauswahl an einem geschichtsträchtigen Ort im Berliner Hansaviertel. In unserem Sortiment arbeiten wir bewusst mit Produzent:innen aus Berlin und dem Umland. Wir schenken Bier der Barnimer Brauerei aus Finow aus, servieren Schokolade von Erich Hamann aus Wilmersdorf, Hafermilch vom Hamfelder Hof, Brot und Blechkuchen von der Bio-Bäckerei Domberger aus Moabit. Unser Kaffee stammt aus der Rösterei NANO in Berlin-Mitte, wo Transparenz, höchste Rohkaffeequalität und verantwortungsvoller Handel im Mittelpunkt stehen.
Diese Partnerschaften stehen für kurze Wege, handwerkliche Qualität und faire Erzeugung. Wie auch bei der behutsamen Restaurierung unserer denkmalgeschützten Räume folgen wir dem Prinzip der Klarheit und Wertschätzung – für gute Produkte, ihre Herkunft und die Menschen dahinter.
Café Tiergarten, Altonaer Str. 3, 10557 Berlin
Fotos: Café Tiergarten (1, 5-9), Marina Hoppmann (2), Kyle Knodell (3,4)
